HHWS

Scotty

Sir Scot aka Scotty 76 ist sicherlich den meisten ein Begriff. Point Blank Breakers, Southside Rockers, Artistik World, Stuttguards, The Phunk Masters…alles große Namen die mit von ihm geprägt wurden. Wer sich mal die Flyer Gallerie anschaut der sieht, dass seine erste B-Boy Crew PBB schon Mitte der 90er ziemlich bekannt war und auf viele Jams eingeladen wurde. Mittlerweile ist Scotty als Airbrush- Grafiker mit seiner Firma Artistik World, welche er mit Ajdin aufgebaut hat, ziemlich beschäftigt. Trotzdem hat er die Zeit für ein Interview gefunden.

http://www.artistikworld.de/


 

HHWS: Für mich ist es immer sehr interessant etwas über die Anfänge von jemandem zu erfahren, wie jemand zum HipHop gekommen ist, was er erlebt und gefühlt hat usw…. Wie war es bei dir?

SCOTTY: Da war eine Hochhaussiedlung, in die ich gezogen bin, wo eigentlich schon alle mit HipHop infiziert waren, weil die größeren Brüder schon alle HipHop gehört haben. Die kamen alle von der ersten Breakdance Welle, der Wildstyle und Beatstreet Welle, welche eigentlich dann langsam am Ende war. Es kam dann die Public Enemy Zeit und in die Welle bin ich reingerutscht, Public Enemy, Eric B & Rakim, BDP, Fat Boys, Run DMC… Das haben wir dann nachgeahmt, da das die Großen auch gehört haben. Wir wussten da noch sicherlich nicht was wir machten, aber wir standen da vor dem Fernseher, jeder hat irgendwas in die Hand genommen das aussah wie ein Mirko und wir haben die Fat Boys nachgerappt.

Und so haben wir auch mit Graffiti angefangen. Mein erster Tag war SNOOP, den habe ich in einer Garage gemacht, vorher noch die Dosen geklaut. Das war auch witzig, wir wurden fast erwischt. Das waren aber so ganz kleine Dosen die man für Modelleisenbahnen benutzt, ein Tag und das Ding ist leer. Da haben wir dann Tags geübt, die Stelle gibt es heute immer noch, ich habe es auf Kamera.

Dann bin ich auf die IGH Schule gekommen, das war eine internationale Gesamtschule in Heidelberg und riesengroß, dort war dann schon die gesamte Heidelberger Elite, Kane, SCM Crew, die komplette Advanced Chemistry Garde, die Stieber Twins, die waren alle auf einer Schule. Die hatten schon ihren Corner gehabt, aber an dem Corner durften wir nicht abhängen. Wir waren die Frischlinge und sind da nicht hingegangen, wir hatten einen Heiden Respekt und haben immer Abstand gehalten. Aber einer von uns, der Dev Rock, dem sein älterer Bruder hat den Jungs schon das Breaken beigebracht damals. Das waren also dem seine Youngster die für uns dann die Kings waren. Er ist immer halt immer zu denen hingegangen, er war für die der coole kleine Shorty. Dadurch sind wir dann immer mehr in Kontakt gekommen.

Beatstreet habe ich dann das erste Mal gesehen, das hatte irgendjemand im Fernsehen aufgenommen. Ab da war ich dann geflasht, ich war gefangen und wusste was es ist. Und durch den Kontakt den wir durch die Schule hatten waren wir dann irgendwann Zöglinge von Torch, Cora E. Die war zwar nicht in Heidelberg auf der Schule, die ist dann aber später nach Heidelberg gekommen. Die ist mit mir auf Jams gegangen als wäre ich ihr kleiner Bruder oder Cousin. Torch war wie mein Onkel, Kane war wie mein Vater, der hat mir alles beigebracht. Ich bin einfach nur in seiner Wohnung gesessen, hab gar nicht viel geredet, sondern hab einfach nur geguckt was passiert und jeden Tag gelernt.

 

HHWS: Deine Crew The Phunk Masters war und ist eine der bekannten Crews im Graffiti. Wie kam die Crew zustande, wer war und wer ist noch alles dabei?

SCOTTY: Die Gruppe hat Kane gegründet. Kane war damals bei SCM, aber die Crew hat sich aufgelöst und er hat nach was Neuem gesucht. Er hat dann Time und Peso mit reingenommen und mich als jüngsten. Ich bin mit reingekommen, weil die mich aufgezogen haben, ich habe das meiste von den Jungs gelernt. Dadurch ist dann TPM entstanden.

Schade ist halt, dass wir uns etwas aus den Augen verloren haben, wir sind alle älter geworden, in verschiedene Städte gezogen, Kane wohnt in Mannheim, Peso wohnt in München, Time ist immer noch in Heidelberg und ich in Stuttgart. Es ist zwar alles ein wenig im Sand verlaufen, jeder macht sein Ding. Manche malen nicht mehr so viel, es sind eigentlich noch ich und Kane, die manchmal droppen, wir representen das halt noch. Früher haben wir schon mehr Power gehabt.

 

HHWS: Ihr seid auch eine der wenigen Writer außerhalb Berlin gewesen, die damals von den Berliner Writern akzeptiert wurde, laut einigen Interviews. Wie kam das zustande?

SCOTTY: Dadurch dass viele Amis in Heidelberg gewohnt haben, waren wir schon immer leicht Richtung Amerika orientiert. Wir haben viel nachgedacht und drüber geredet, was dort passiert ist. So war es auch mit dem Graffiti, wir haben uns viel mit den Originalen Leuten aus New York auseinander gesetzt, mit ihrem Style, ihrem Aufbau, was Stylewriting ist. Und das haben die Berliner in einer ähnlichen Zeit auch etwas gemacht und dadurch waren wir uns ähnlich. Wir haben deren Style geliebt und die unseren. Und somit hat es die Connection gegeben. Obwohl Heidelberg so eine kleine Stadt ist, gibt es viele auf der Welt die wissen was Heidelberg Style ist. Das kam auch viel durch das Studieren, denn die Writer, die wir angesehen haben, die haben wir versucht zu verstehen, wir haben analysiert was die da malen.

Wie in Unterrichtsstunden haben wir deren Style manchmal analysiert, wie die ihre Pfeile setzen und in welche Richtung und so Sachen. Und das hat uns zu unseren eigenen Styles verholfen. Wir haben gar nicht so viel gemalt, aber wenn, dann haben wir was mit Style und diesem rawen New York Flavor gebracht. Und das hat den Leuten wohl ziemlich gut gefallen.

 

HHWS: Wie wichtig ist für dich eine Crew?

SCOTTY: Ich habe so viele Crews, bestimmt 10-12 Stück. Aber es ist immer unterschiedlich. Es gibt Crews, die sind wie Familien und manchmal ist eine Crew einfach eine Gruppe, die für eine Sache zusammen kämpft. Southside Rockers oder TPM, das waren wie Familien. Aber die Familie wird auch alt, manche Leute setzen sich zur Ruhe oder müssen wegziehen. Und wenn man kein frisches Blut, also jüngere, nachholt, dann stirbt das langsam ab. Man sieht sich nicht mehr so oft. Und das ist auch immer ein bisschen traurig wenn das so eine Familie war.

Und dann gibt’s halt eine Crew mit der man für ein Ding zusammen kämpft. Man ist vielleicht gar nicht so krass miteinander beschäftigt, so wie früher wo die Crew wirklich „Homie-Homie-Homie“ war, die du jeden Tag gesehen hast, aber man kämpft für eine Sache. Und wenn die Leute dann vielleicht auch noch unterschiedlich sind, dann kannst du manchmal weiter vorankommen, weil es mehr das Ziel ausmacht als nur das Miteinander.

Beide Arten von Crews sind wichtig.

Du brauchst immer Unterstützung, egal was du machst. Jeder Politiker braucht auch seine Scheiss-Partei oder so dahinter. Wenn du Fußball Spieler bist, dann hast du ein ganzes Team, wenn du Leichtathlet bist, dann hast du dein Team und deine Trainer. Wenn du was erreichen willst, dann musst du eine Crew haben. Du musst Leute hinter dir haben.

 

HHWS: Ihr habt definitiv den “Heidelberg-Style” mitgeprägt und habt auch einen Bezug zum New Yorker Graffiti. Wieso ist dieser starke Bezug da? Welche New Yorker Writer gehören zu deinen Favoriten?

SCOTTY: Weil wir die Sachen ja so studiert haben. Es war das, was uns am meisten fasziniert hat. Das waren die Sachen, die war im Fernsehen gesehen haben, als wir jung waren. Das war der Flavor, den die dort gemacht haben. Für mich ist es heute immer noch so, auch bei der Musik, dass ich eher zu New York tendiere. Klar, ich höre auch deutschen Rap, da gibt’s auch viele Sachen die mir gut gefallen.

Wir waren auch schon früh dort, wir waren schon 95 in New York, Kane bestimmt schon früher. Das hat uns alles beeinflusst.

 

HHWS: Und welche New Yorker Writer gehören zu deinen Favoriten?

SCOTTY: Es gibt so viele. Part, T-Kid, Shy, Kel, Crash, Dezzy Dez, Shame, Surve, Dash…da gibt’s hunderte Writer die mich beeinflusst haben. Aber mein Lieblingswriter, der ist eigentlich nicht so bekannt, das ist Dero. Der hat so kompakte schöne Styles gemalt, das war eigentlich mein Favourite.

 

HHWS: Was ist für dich das wichtigste an einem Piece?

SCOTTY: Der Flavor. Egal bei was, bei einem Piece, einer Bewegung, einem Gespräch – egal was ich in der Welt sehe, es muss Flavor haben. Aber Flavor ist halt eine Geschmackssache, jeder hat einen anderen Geschmack. Das ist wie beim Joghurtessen, der eine steht auf Banane, der andere auf Erdbeer, der nächste isst vielleicht gar keinen.

Ich kann nicht immer genau beschreiben was Flavor ist, da meine Geschmäcker auch manchmal ein bisschen unterschiedlich sind. Aber Flavor ist das Allgemeine im Leben, was für mich etwas ausmacht. Das kann mal eine Straßenlaterne oder ein Kebab Laden, manchmal kann es Graffiti sein, manchmal kann es Breaken sein, manchmal kann es Rap sein. Das ist das wichtigste Wort.

 

HHWS: Als so eine Art von Lebenseinstellung…

SCOTTY: Ja, alles was mir halt gefällt. Kennst du das wenn du irgendwo läufst und du siehst was und das gefällt dir? Egal wo, das kann jeden Tag und überall passieren. Das ist eigentlich das, was mich am meisten glücklich macht, das flashed mich.

 

HHWS: Wie würdest du das Wort Style jemandem beschreiben der keine Ahnung vom Graffiti hat?

SCOTTY: Style hängt halt auch vom Flavor ab. Der eine steht auf den Style, der andere auf einen anderen. Ich möchte mir kein Vorurteil über Style erlauben. Für mich ist halt der Flavor vom Style das Bestimmende. Style kann alles haben, Bubble kann Style haben, ein verkacktes Piece oder ein verkacktes Tag kann trotzdem einen geilen Pfeil haben. Für mich hat Style Rawness, Gefühl muss rüberkommen, es muss Bewegung drin sein. Ich mal selber immer wieder ein bisschen Steif, aber ich wünsch mir immer mehr Bewegung. Die Ecken, die Corner – geometrisch muss es einfach krass sein.

 

HHWS: Du hast sicherlich so einige Geschichten von Malaktionen erlebt. Erzähl uns doch bitte mal eine davon.

SCOTTY: Ich schon viel erlebt wo es mich auf die Fresse gehauen hat.

Eine der geilsten Geschichten erzähle ich jetzt mal. Wir sind in ein Yard gefahren, das ziemlich weit außerhalb war. Rein, angefangen zu malen. Das war direkt auf einem Bahnhof drauf. Und ein paar Jungs haben sich halt übernommen, die wollten einen Wholecar malen und haben dafür eine Tonne über die Gleise gezogen. Das hat man halt gehört und das war eine kleine Nachbarschaft dort. Wie es halt sein musste sind irgendwann Leute auf uns zu gerannt und wir sind natürlich weg. Wir haben uns dann ein bisschen verloren, wir waren fünf Leute. Wir hatten einen Treffpunkt ausgemacht wo wir uns treffen würden, wenn was passieren sollte. Und wir rennen dann in eine Ecke rein und sehen wie noch einer in unsere Richtung rennt. Wir haben den dann natürlich gerufen, aber was wir nicht gesehen haben war der Bulle direkt hinter ihm. Der kommt auch in die Ecke rein. Dann standen wir zu fünft in der Ecke drin und der Bulle genau vor uns. Wir sind dann alle irgendwie an ihm vorbei und der Bulle hat zum Glück keinen gekriegt. Wir waren dann alle zerstreut. Ich bin dann zu dem Treffpunkt hin und drei von unseren Leuten sind dann aufgetaucht. Wir saßen dann da eine Weile. Das war ein Parkplatz in einem Industriegebiet.

Dann kommen auf einmal die Bullen angefahren. Auf dem Boden war eine Erhöhung, ein kleiner Spalt, und wir haben uns dann unter den Spalt gelegt. Und einer von uns, der hat es nicht mehr geschafft und stand genau an der Wand. Die Bullen sind dann bis zu der Kante gefahren und haben dort dann gedreht. Die hatten Licht an, aber haben nichts gesehen!

Die sind einfach umgedreht und weitergefahren und er stand ihnen direkt gegenüber. Wir haben uns da tot gelacht. Ich stand auf und sagte: „Lasst uns rennen.“ Wir rennen hinter das Gebäude und auf einmal war ich bis zum Hals im Wasser drin. Und es war Februar. Die haben mich dann rausgezogen. Wir mussten 8 km bis zur nächsten Ortschaft laufen und es war schweinekalt! Dort haben wir ein Taxi genommen bis zum nächsten Ort wo es dann einen Bahnhof gab. Ich hab meine Sachen ja weggeschmissen und hatte nichts mehr an bis auf meine Schuhe, meine Unterhose und ein Holzfällerhemd, das mir einer gegeben hatte.

Und jetzt kommt das witzigste. Ich bin dann 80 km mit dem Zug nach Heidelberg zurückgefahren und musste am Hauptbahnhof raus. Und die ganzen Leute die auf meine Schule gingen, die mussten immer am Hauptbahnhof in den Bus und haben sich am Hauptbahnhof getroffen, haben irgendwas zum Frühstücken gekauft und sind zur Schule gefahren. Genau in dem Moment bin ich morgens angekommen und jeder hat sich tot gelacht. Ich bin dann natürlich nach Hause gegangen. (lacht)

 

HHWS: Heidelberg hat eine lange Geschichte beim HipHop, viele Persönlichkeiten kommen aus der Stadt. Wie ist die Szene heutzutage?

SCOTTY: Das Problem ist, ich bin schon lange nicht mehr in Heidelberg gewesen bzw. immer nur für kurze Zeit, deswegen will ich mir nicht erlauben zu sagen, was dort abgeht. Es gibt auf jeden Fall eine Menge neuer, fetter Graffitiwriter, wie z.B. Nose, Yes, Kard, Ries, Agony..da gibt’s einen Haufen neuer Talente die Style und Flavor haben, bei denen man auch noch ein bisschen die Roots sieht von TPM- Leuten wie Time und Kane. Also wo es leicht herkommt.

Graffitimäßig geht das einiges, rapmäßig sind wohl auch ein paar Leute am kommen, aber da kenne ich mich nicht ganz so aus. Das Breaken ist leider ein wenig untergegangen in Heidelberg, da gibt’s nicht so viele.

 

HHWS: Und wie ist es in Stuttgart?

SCOTTY: Stuttgart ist immer noch eine Hochburg was Breakdance betrifft. Leider schwer unterschätzt von den Leuten in Deutschland. Rapmäßig vermisse ich ein bisschen was hier in Stuttgart, da kommt nicht so viel, Franky Kubrick bringt mal was raus. Ansonsten geht hier einiges. Parties gibt’s zu viele, man weiß nicht mehr wo man hingehen soll, alles ist so verstreut, die richtigen Heads trifft man irgendwie nirgendwo. Es ist ein bisschen jiggymäßig hier mit der Clubszene, aber das ist Geschmackssache. Wem es gefällt, der geht da auch hin, so wie ich, Party mache ich auch gerne. Graffitimäßig gibt es auch ein paar gute Leute.

Da passiert schon einiges, ich kriege aber auch nicht alles mit, das ist alles so verstreut heute. Die Rapper machen ihr Ding und so weiter…es hat sich alles ein bisschen zerstreut. Das merkt man auch an den Veranstaltungen, entweder ist es ein Rap-, Breakdance- oder Graffitievent, das ist auch schade.

 

HHWS: Deine Charakter sind(waren) definitiv B-Boy Charakter. Ist dir das wichtig und was hältst du von realistischen Charactern?

SCOTTY: Ich stehe auf realistische Maler, ich habe schon oft mit welchen zusammengemalt, wie die MacClaim Jungs. Ich find das fett was die künstlerisch aus der Dose rausholen können. Wie das machen, das sieht manchmal aus wie ein Foto. Da habe ich schon einen Heidenrespekt davor.

Aber B-Boy Character sind halt B-Boy Character, die haben Style und Flavor. Aber man kann es auch gut mixen.

 

HHWS: Brainstorming…

Kane TPM Er ist der Krasseste, egal bei was! Der Typ kann alles, rappen, scratchen, breaken…Der Typ ist ein Monster. Er wird schwer unterschätzt, man sieht ihn nicht oft, aber wenn der mal richtig losgeht, dann ist die Maschine am laufen. Den Film habt ihr noch nicht gesehen, der sieht aus wie ein B-Boy aus den Achtzigern.
“HipHop Politik” Ich halte allgemein nicht viel von Politik. Regeln sind zum brechen da denke ich manchmal. Ok, nicht alle. Leute, die zu viel Politik machen, die reden zu viel anstatt was zu machen. Und eine „HipHop Politik“ ist für mich genau das Gleiche. Egal was für ein Rap es ist, Jiggy, Underground oder sonst was, wenn es fett ist, dann ist es fett. Da gibt’s nichts dagegen zu sagen. Ich verstehe alles, ich verstehe Aggro, ich verstehe jeden Rapper in Deutschland. Ich versuche mich da hineinzuversetzen, wo die herkommen, was die machen,… Das hat viel damit zu tun. Wenn die halt Gangster Rap machen, dann machen sie es halt. Ich bin auch mit Leuten aufgewachsen, die jetzt nichts anderes als so Hoodkacke am laufen haben.
Trains/Züge Trains sind das Geilste. Schade dass ich so alt bin. (lacht) Ich habe schon lange keine Trains mehr gemalt. Wenn du keine Trains gemalt hast, dann kannst du dich auch nicht Graffitiwriter nennen. Ich habe gar nicht so viele Trains gemacht, aber die, wo ich gemacht habe, die waren das Geilste. Eine witzige Geschichte dabei ist dass, immer wenn ich einen Train machen wollte, dann hatte ich immer so Schiss, dass ich erstmal rein bin in den Zug und reingeschissen habe. Ich glaube wenn die Bullen mich gesucht hätten, dann hätten sie nach dem Typen gesucht, der reingeschissen hat (lacht).
Fame Fame ist wichtig. Fame ist nicht das Wichtigste, gehört aber dazu. Es ist auch eine Sache für einen selber, wie weit man geht. Breaken war auch geil zum Bräute aufreißen. Das hat irgendwie dazu gepasst. Du gehst rein in den Kreis, du stylst. Die Jam geht ab und du schleppst die heißeste Braut auf der Jam ab. Der wo die coolsten Moves gemacht hat, der hat auch die Frauen gekriegt. Aber beim Fame ist es ja auch so, da ist ja auch Ehrgeiz dabei, man will dass sein Zeug gesehen wird. Mir ist es nicht so wichtig, dass jeder sagt es ist gut. Man kann auch sagen dass es Scheisse ist, wenn es einem nicht gefällt, dann ist es halt so. Es gibt so viele Sachen die mir nicht gefallen, das ist dann halt mein Geschmack. Also ich will schon dass die Leute meine Sachen sehen und wenn es denen dann gefällt. Das macht mich ja stolz wenn das jemand zu mir sagt, dass es ihm gefällt.
Adrian Nabi / Backjumps Oh man, der Typ ist ein Graffiti- Museum! Wenn du bei dem in die Wohnung reingehst, dann glaubst du nicht was da für Schätze liegen. Das ist wie in einem Museum bei ihm zuhause, der Typ ist krass.
Mode 2 Mode 2 ist auch ein geiler Typ, den habe ich kennen gelernt, da war ich 11, 12 vielleicht 13. Da stand der bei Kane in der Küche und hat Omelett gekocht für uns. Der malt ja auch krass, der flasht übelst. Wenn du Paris kennst, wo er herkommt, dort gibt’s die Frauen mit den dicken Ärschen, oder auch in London, wo er gelebt hat. In seinen Bildern spiegelt sich seine Herkunft. Der setzt sich damit auseinander. Wie der Frauen zeichnet oder Szenen aus dem Alltag zeichnen kann, das ist unglaublich. Und das dann auch noch in seinem eigenen Style und Flavor.

 

HHWS: Wohin hat dich Graffiti schon überall hingebracht?

SCOTTY: Das weiteste war wohl Hongkong oder Los Angeles. Ansonsten überall hin. Ich habe schon viel auf der Welt gesehen durch Graffiti und auch durch Breakdance. Zum Glück habe ich das, so wie ich in der Schule aufgepasst hab, da hätte ich es ansonsten jetzt richtig verkackt. HipHop hat mein Leben gerettet.

 

HHWS: Wie gehst du vor wenn du eine Wand planst und malst?

SCOTTY: Früher habe ich immer vorher einen Sketch gemacht. Ich habe meine Skizze gemacht und bin dann malen gegangen. Heute mache ich das ungern. Ich hab zwar ein paar Sachen dabei, die ich vielleicht einsetzen will oder in meinem Kopf habe. Aber meistens male ich am liebsten aus dem Moment heraus. Als ich früher manchmal eine Skizze gemacht habe, dann konnte ich die nicht so gut an die Wand bringen, so wie ich sie gemalt habe. Weil das Feeling war zu dem Zeitpunkt anders.

 

HHWS: Ist das dann auch wandabhängig, so dass dann die Wand zu klein ist oder so?

SCOTTY: Das kann dir auch passieren. Aber du solltest eigentlich wissen an welche Wand du gehst wenn du die Skizze malst. Außer du gehst illegal malen.

 

HHWS: Du bist ja auch als B-Boy bekannt. Von diversen Personen habe ich z.B. gehört, dass es sie stört dass es fast nur noch B-Boy Battles gibt, aber kaum noch richtige Jams.

SCOTTY: Das Problem sind gar nicht die Battles an sich, sondern dass die Leute keine Kreise mehr bei den Battles machen. Es geht nur noch um das, was auf der Bühne passiert. In Amerika gibt es fast nur Battle-Veranstaltungen, aber die Leute tanzen trotzdem fast die ganze Zeit in den Kreisen. Heute sind sie sich schon zu stolz um in den Kreis zu gehen, d.h. die Leute die beim Battle mitmachen, die wollen vorher nichts zeigen. Das ist halt ein bisschen Schade.

Aber an sich ist das Breaken heute eh merkwürdig geworden. Die Breaker heutzutage sind keine Breaker mehr, das sind Akrobaten, Yogatänzer oder irgendwas. Das Wort B-Boy gehört zur Musik, aber die Leute tanzen ja heute nicht mehr auf die Musik. Die wollen nur noch irgendeinen Freeze oder Handstand machen oder sich irgendwie drehen, das passt aber nicht zur Musik, das ist kein Tanzen. Das ist schwierig hier in Deutschland.

In Frankreich gibt’s das, da gibt’s richtige Tänzer. Da geht’s sogar darum, wer zu welchem Lied rockt. Man geht nicht einfach rein, wenn der Beat nicht zu einem passt. Wenn der richtige Beat kommt und der zu dir passt, dann gehst du rein und zerstörst den.

Aber heute ist das alles ein bisschen anders.

Es hängt halt auch mit den Medien und deren Vermarktung von Breakdance zusammen. Wenn man was sieht, dann ist das ein kurzer Ausschnitt mit ein bisschen Kopfdrehung oder Windmühle. Von der Medienwelt und der Außenwelt wird Breakdance ja nicht als Tanzart anerkannt, sondern als Akrobatik. Aber der Ursprung ist ein Tanz. Deshalb ist es für mich merkwürdig in Deutschland. Es gibt zwar einzelne Leute die geil sind, aber alles was so passiert, auch beim Battle of the Year, das ist alles für die Katz.

 

HHWS: Wie siehst du die HipHop Kultur an sich, hat sich alles zu stark auseinander gelebt oder ist das Ganze noch als Kultur am Leben?

SCOTTY: Ja, das auf jeden Fall. Das hat auch viel mit Geld zu tun. Heute kosten die Rapper ja auch einen Haufen Gage. Jeder versucht ein bisschen Geld zu machen. Die Breaker versuchen das auch, die machen lieber einen Auftritt als auf eine Jam zu gehen. Wir sind aber auch keine Kinder mehr und wohnen zuhause, jeder muss ein bisschen hustlen. Die Welt ist halt auch nicht einfach für jeden Menschen. Früher war das ein bisschen einfacher, aber jetzt ist auch noch die deutsche Wirtschaft unten.

Es ist auch schwer eine Jam zu organisieren, keiner will Eintritt zahlen, die Rapper wollen ihre fette Gage, die B-Boys wollen auch ihr dickes Fahrtgeld plus was dazu. Aber eigentlich haben wir uns das selber auf die Kappe zu schreiben, weil, als wir jung waren, da haben wir davon geträumt dass es mal so groß ist. Du gehst irgendwo hin, jedes Autoradio spielt Rapmusik…. Früher war das immer eine harte Suche jemanden zu finden, der so drauf ist wie du es bist. Du bist immer in eine fremde Stadt gefahren und da hast du dann genau geguckt wenn einer einen Hoodie oder Adidas Turnschuhe an hat, da wusstest du, der muss HipHop sein. Dann bin ich hingegangen, ihr seid ins Gespräch gekommen und seit Homies geworden. Du bist da hin gereist, du bist dort hin gereist. Man hat noch Kontakt gesucht. Heute will keiner mehr den Kontakt, weil es jedem zu viel geworden ist, zu viel gehate, keiner unterstützt dich, jeder ist immer nur für sich und nicht für eine gemeinsame Sache. Und früher haben wir alle für eine gemeinsame Sache gekämpft.

Die Rapper haben geguckt, dass die Breaker unterstützt werden, die Breaker haben wiederum die Rapper unterstützt, die Graffiti Writer haben alles Mögliche im Hintergrund gemacht. So ist es heute ja nicht mehr. Aber das ist ja auch schwer mit so einer riesigen Menschenmenge, da ist das nicht mehr kontrollierbar. Es ist immer noch so, dass viele miteinander rumhängen, aber man kriegt nicht mehr alles mit. Früher hat man alles mitgekriegt. Als früher z.B. Phos und Odem aus Berlin in Heidelberg waren, das hat sich in Deutschland herumgesprochen wie ein Lauffeuer. Genauso wie wenn du gehört hast, dass die und die in München waren.

Heute kannst du dir das aber auch kaum noch leisten so weit herumzureisen.

 

HHWS: Da du schon eine ganze Weile breakst möchte ich gerne wissen, wie dein Körper das aufnimmt. Hast du schon Beschwerden und wie gehst du damit um?

SCOTTY: Ich habe jetzt eigentlich fast ein Jahr Pause gemacht. Eigentlich habe ich gedacht, dass ich jetzt langsam aufhöre. Man wird langsam zu alt, die Jams sind eh nicht mehr dass, was sie sein sollten…Es hat mir einfach kein Feeling mehr gegeben. Ich bin in Kreise gegangen und das war dort nicht der Tanz, den ich geliebt habe. Ich habe zwar einen Haufen Respekt vor dem was die machen, weil es einfach krass ist, aber dass ist halt nicht der Flavour der mit gefällt. Ich hatte einfach keinen Bock mehr. Das sind auch noch alles Kids und die wollten dir dann was sagen. Du hast einen ordentlichen Footwork hingelegt und dann hiess es nur: „Rocksteady“. Was hat das mit Rocksteady zu tun? Das ist ein Ursprungsmove, den muss man können. Der muss auch gut gemacht sein. Heute machen die das zwar, aber die machen das nicht richtig.

Das hat mich abgeturnt. Eigentlich habe ich aufgehört, aber jetzt will ich wieder reinkommen und dann schnappe ich mir ein paar Jungs und wir wollen eine Flavour-Einheit sein, die irgendwo auftaucht und ihren Kreis rockt und die Jungs dort dann sagen: „Booah, was ist das?“ Wir wollen nicht so bei Battles mitmachen. So Typen, die richtig abgehen, Klasse haben, richtige Footworks machen und was weiß ich…B-Boys halt! So was will ich noch mal machen. Das dauert zwar ein bisschen, mein Knie war kaputt, mein Fußgelenk auch, jetzt muss ich mal gucken was passiert. Mit 30 ist das nicht mehr so einfach.

 

HHWS: Durch Artistik World hast du sicherlich im grafischen Bereich neue Erfahrungen gemacht. Überträgt sich das auch auf deine Bilder?

SCOTTY: Klar, es gibt immer wieder Techniken die ich benutze. Das beeinflusst ja auch mein Leben, ich male immer viele Sachen die mich beeinflusst haben. Manchmal bin ich in der B-Boy Welle, manchmal in der Graffiti Welle. Manchmal überträgt sich meine Graffiti Welle mit ins Tanzen, das gehört alles zusammen, das fließt ineinander über. Manchmal weiß ich selber nicht wie ich das alles unter einen Hut gepackt habe, aber es passiert einfach. Bei mir ist es so: ich lasse mich treiben. Jeder Tag ist anders. Ich habe Ziele, aber manchmal passiert so viel nebenher, mit dem man gar nicht gerechnet hat. Und wenn ich dann darauf zurückblicke, dann erschrecke ich mich selber. Ich war z.B. mit einem Typen am chillen, der ist der Nummer eins Tänzer aus den Staaten, tanzt bei Missy Elliot, und wir haben uns unterhalten und so. Ich hätte nie gedacht dass ich so jemanden treffe. Und der hat mir auch noch unglaubliche Geschichten erzählt.

Genauso ist es auch mit vielen Leuten, die ich als Kind angehimmelt habe. Das waren die Kings für mich. Mit manchen von den Old School Typen habe ich schon Frauen zu zweit auseinander genommen. (lacht)

 

HHWS: Was hast du für die Zukunft geplant. Ich habe gehört es gibt bald eine DVD von dir…?

SCOTTY: Meine DVD ist am laufen. Das ist gerade eigentlich mein größtes Projekt. Das ist mein Traum, da es vieles aus meinem Leben widerspiegelt, von dem was ich erlebt habe. Es sind Leute, denen ich sehr hohen Respekt zolle, mit auf der DVD. Man wird die ganze Rapeinheit Deutschlands mit drauf sehen. Eine Menge Graffiti Leute auch. Das sind einfach Leute mit denen ich einen Weg gegangen bin. Leute, die zu meiner Welt gehören. Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich in einer eigenen Welt lebe.

Die DVD soll die Welt zeigen in der ich bin. Ich hoffe das wird ein paar Leute interessieren und dass die es cool finden werden.

Das ist mein Projekt, es ist für mich. Wenn es keiner sehen will, dann ist das halt so, aber ich habe das für mich gemacht. Ich vergesse auch viele Sachen im Leben, und ich will so eine Art Archiv haben. Manche Leute haben ein Buch, durch welches sie sich an manche Momente ihres Lebens zurückerinnern. Und ich will das mit meiner DVD haben.

 

HHWS: Vielen Dank für das Interview. Einige letzte Worte oder Grüße….

SCOTTY: Grüße an alle. Keep da head up und immer nach vorne schauen. Nicht nach hinten sehen, ist zwar immer wieder geil diese Gefühle zu haben, aber es geht ums weiterkämpfen. Macht das was euch Spaß macht. Auch wenn es nicht mein Flavour ist, wenn es fett ist, dann ist es fett.
Peace out.