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Äi-Tiem

Das Äi-Tiem aus Köln Porz gehört mit zur deutschen Old School. Ihre erste Platte haben sie 1991 veröffentlicht (12“ Vinyl namens „Alles Absicht“), welche ohne jeglichen Vertrieb von ihnen auf Jams verkauft wurde (500 Stück!). Gegründet wurde die Gruppe aber schon Mitte der 80er. Durch ihren starken Bezug zum BMX fahren haben sie gute Kontakte in diese Szene und auch z.B. zu Titus. Jetzt haben sie wieder die Platte „Murhpys Gesetz“ veröffentlicht, auf welchem Tracks vom Anfang bis zum heutigen Zeitpunkt zu finden sind. Ihr neues Label Def Dick ist auch am Start und somit scheint es für sie gut zu laufen. Stellvertretend für seine Crew hat Hans Solo mir ein interessantes Interview gegeben, durch welches man auch mehr von seiner Person kennenlernt!

http://www.aei-tiem.de/


 

HHWS: Auf eurer Homepage kann man sehr viel Infos zu eurer History bekommen. Erzählt mir doch bitte trotzdem noch mal was über eure Anfangszeiten. Wie habt ihr die ersten Jams erlebt?

H.SOLO: Der Grund, weshalb wir die erste Platte gemacht haben ist der, dass ich bei einer Jam im Rhenania Köln, ich glaube es war zu Nikolaus im Jahre 1989, von einer autonomen Gruppe Frauen Prügel bekommen hatte. Zum einen weil ich den Fotzen Rap zu Vortrage gebracht habe und Torch mit den Worten Sag Arsch, sag Fotze auf der Bühne unterstützt habe. Die Prügel hatten zwar nicht weh getan, aber beim Ausweichen vor den Schlägen von den sechs oder sieben Damen bin ich rückwärts von der Bühne auf den Hinterkopf gefallen und war erstmal out of order. Als ich wieder hochkam, hat mir so ein mit den Frauen solidarischer autonomer Typ mit einem echt guten und gezielten Schwinger die Nase gebrochen. Zuerst wollten wir dann telefonieren und den Laden mit Unterstützung dem Erdboden gleichmachen. Da ich an dem Abend jedoch kein Interesse mehr an weiteren Treffern auf die eh schon gebrochene Nase hatte, sagte ich zu Lord Fader: „Jetzt erst recht, jetzt machen wir ne Platte!“ Deshalb heißt die erste Scheibe auch Alles Absicht. Zu der Zeit gab es ja noch kaum deutsch rappende MCs. Jeder kannte zwar Two Live Crew, aber in der eigenen Muttersprache konnte sich der Zuhörer nun nicht mehr hinter der Floskel verstecken, den englischen Text nicht verstanden zu haben. Für viele war es sicher wie ein Schlag ins Gesicht. Heute hat sich das alles je ziemlich relativiert, aber damals hassten uns sehr viele dafür und es gab vieler solcher Situationen, besonders in den eher links orientierten Jugendzentren. Im Schlachthof in Emden haben uns die Betreiber mit Farbbeuteln und mit Pisse gefüllte Luftballons auf der Bühne beworfen, wohlgemerkt: die Betreiber, nicht das Publikum. Draußen habe ich dann auch wieder Schläge bekommen, auch wieder von einer Horde autonomer Frauen und ca. 40 Redskins mit Schlagstöcken haben nur darauf gewartet, das ich eine der Frauen schlage um mir den Rest zu geben. Den Gefallen habe ich denen jedoch nicht getan. So haben wir uns ein wenig auf dem Hof gekloppt und anschließend hat man uns sogar noch die vereinbarte Gage in die Hand gedrückt. Def Benski ist danach als festes Mitglied ausgestiegen, mit den Worten: „Ich geh doch nicht auf die Bühne um mich zusammenschlagen zu lassen!“ Ich sagte: „Ich schon!“ Viele meinten dann, ich sei ein Sexist. Der Fotzen Rap ist meiner Meinung nach jedoch nicht sexistisch. Ich rappe lediglich über Sex. Die da von den Fantas ist in meinen Augen da schon eher sexistisch, denn dort werden Frauen so dargestellt, als ob sie alle Nutten wären und nur gegen Geld oder Geschenke zu haben sind. So genannte Ismen wie Rassismus, Faschismus, Kapitalismus etc. haben zumeist eine gemeinsame Eigenschaft: Die Darstellung, dass der dem jeweiligen Ismus huldigende Mensch mehr Wert sei als der von dem jeweiligen Ismus unterdrückte Mensch. Eine solche Aussage kann ich im Fotzen Rap nicht finden. So gesehen war früher vieles schwerer als heute, denn das ganze Hip Hop Ding in Deutschland hatte kaum Struktur und man wurde jahrelang von allen nur belächelt. Ich kannte das ja schon aus dem BMX Bereich, denn da wurde ich von 1979 bis 1983 auch nur belächelt. Na ja, dann kam Breakdance, Graffity und der ganze Kram, die ersten Kommunities bildeten sich und ab da hat sich alles bis zum heutigen Stand in meinen Augen recht positiv weiterentwickelt. Ich habe mit BMX, Rap und Malen jedenfalls mein Leben finanzieren können und wurde auf der ganzen Welt zu Veranstaltungen eingeladen und das ist in meinen Augen doch ne gute Sache, oder? Was die Jams angeht, so habe ich das früher als wesentlich schöner und familiärer empfunden. Aber das liegt sicher daran, dass die Jams früher kleiner waren und das ich jünger war und die Welt eh mit anderen Augen gesehen habe, wie ich es heute tue.

 

HHWS: 1994 habt ihr die Platte „Wenn hier einer schiesst, dann bin ich das“ veröffentlicht. Die Platte hat für einige Diskussionen gesorgt, wurde aber auch von vielen Leuten gehört. Wie habt ihr das damals erlebt? Einerseits gab es Kritik, andererseits Begeisterung.

H.SOLO: 1993 haben wir die „Wenn hier einer schießt“ rausgebracht. Mir persönlich hat genau die polarisierende Wirkung unserer Musik gefallen. Die einen lieben es, die anderen hassen es, aber keinem ist es egal. Das ist das Schlimmste was einem Künstler passieren kann, dass du den Leuten egal bist. Dann werd besser KFZ Schlosser oder Bäcker oder sonst was. Meine Lieblingsplattenkritik ist bis heute die aus der Kölner Stadtrevue. Die haben kurz und knapp geschrieben: „Das Äi-Tiem spart mal wieder nicht an Machogeprotze und verbalen Griffen zwischen die Beine. Egal wann und wo, einfach im Regal vermodern lassen.“ Ich liebe so etwas, denn genau diese Ignoranten wollte ich erreichen. Manchmal stört es mich allerdings schon, nach fast hundert Tracks die ich geschrieben habe, immer noch auf die fünf Tracks über Sex reduziert zu werden. Aber so ist die Welt halt: Schublade auf und reingesteckt. Da wieder rauszukommen ist fast unmöglich. Mir persönlich ist das jedoch egal.

 

HHWS: Was wollt ihr denn grundsätzlich mit euren Texten ansprechen bzw. erreichen?

H.SOLO: Ich schreibe meine Texte oft, um Dampf abzulassen und es gibt für mich kein besseres Gefühl, als nach einem guten Gig nach Hause zu kommen. Dann bin ich meist zufrieden und entspannt. Wenn es dieses Ventil nicht gäbe, hätte ich wahrscheinlich schon längst einen umgebracht. Manchmal muss man seine Wut auch einfach rausschreien und Ungerechtigkeit ist einer der Punkte wo ich auch recht schnell wütend werden kann. Aber ich kann in diesem Punkt nur für mich sprechen. Andere Leute haben sicher auch andere Gründe Musik zu machen. Aber wir haben ja auch lustige Sachen gemacht. Die entstehen meistens aus guter Laune beim zusammensitzen mit den richtigen Leuten bei ner Flasche Bier oder ner feschen Kräutermischung. Da macht der Zufall die Musik.

 

HHWS: Ihr habt euch ja nicht nur durch z.T. provozierende Texte engagiert, sondern z.B. auch durch die Spendenaktion von 5000 DM Erlös aus dem Verkauf der Maxi „Vun Unge“ im Jahr 1997, wo die Summe an gemeinnützige Zwecke (Gefängniswerkstätten, Resozialisierungsmaßnahmen) gespendet wurde. Wie wichtig ist für euch ein soziales Engagement? Wie sieht es heutzutage mit eurem Engagement aus?

H.SOLO: Ich bin der Meinung, dass nur derjenige Kritik üben darf, der beweisen kann, dass er selbst aktiv daran gearbeitet hat etwas zu ändern. Reden kann jeder, handeln tun nur die wenigsten. Das Vun Unge Projekt war jedoch nur eines von vielen. So bin ich seit 1993 im eigenen Verein aktiv und seit 2001 erster Vorsitzender des Vereins zur Förderung des Jugendsports und der Jugendkultur e.V.. Dort fördern wir BMX, Skaten, Turntablelism, Wortsport und Graffity. Wir haben uns um straffällig gewordene Jugendliche in der Domsports Skatehalle gekümmert, wir habe jede Menge Workshops und Kurse dort durchgeführt und ich weiß von einigen, die sich später dafür bedankt haben, dass wir ihnen einen Stubser in die richtige Richtung gegeben haben. Im Moment arbeiten wir auch an diversen Outdoor Skateparks, welche für alle kostenlos zu nutzen sind.  Ich lasse die meisten der Tonträger bei den gemeinnützigen Werkstätten Köln (GWK) einschweißen. Das ist zwar etwas teurer, aber es hilft Menschen Arbeit zu verschaffen, die auf dem freien Markt niemals einen Job bekommen würden.

 

HHWS: Hans Solo, du hast ein Buch geschrieben (oder hast damit angefangen), welches die Zusammenhänge zwischen physikalischen Grundgesetzen des Universums und deren Anwendbarkeit auf gesellschaftliche Systeme beschreibt. Wie kam es zu dem Themengebiet?

H.SOLO: Bei der Eiswürfeltheorie handelt es sich um mein zweites Buch. Das erste Buch habe ich 1992 unter meinem richtigen Namen herausgebracht. Es handelte sich um ein BMX Buch, somit eher um ein Fachbuch. Die wenigsten wissen jedoch, dass ich eigentlich aus dem Mathe und Physikbereich komme, bzw. das ich mein Abitur mit Mathe und Physik Leistungskurs begonnen, aber mit Mathe und Sport abgeschlossen habe. Danach habe ich eine Ausbildung zum Informationselektroniker gemacht und noch Elektrotechnik studiert. Als der Boom auf dem Aktienmarkt einsetzte und ich die ersten Desaster in diesem Bereich mitbekommen habe, habe ich zuerst nur aus Spaß, den Energieerhaltungssatz auf Wirtschaftssysteme angewendet, indem ich einfach nur für die Energie das Kapital eingesetzt habe. Der Betrag der Energie im Universum ist immer gleich und nach Stephen Hawkins witzigerweise gleich null. Materie ist nichts anderes als erstarrte Energie, hinzu kommt die Expansionsenergie und die Gravitationsenergie, sowie diverse andere Energieformen, welche man an dieser Stelle jedoch vernachlässigen kann, da die so genannte dunkle Energie auch noch eine Rolle spielt, die zu erklären bisher keiner so recht geschafft hat. Jedenfalls ist der Betrag immer gleich, lediglich Ort, Art und Zustand der Energie ändern sich.  Da die Gravitationsenergie gegenüber den anderen Energieformen jedoch ein negatives Vorzeichen hat, heben sich die Energieformen bei der Addition gegenseitig auf, so dass das Ergebnis gleich null ist. Das lässt sich auch gut mit der Urknalltheorie vereinbaren, denn laut der Urknalltheorie ist unser Universum aus dem Nichts entstanden. Es könnte aber auch sein, das unser Urknall nur die andere Seite eines schwarzen Loches eines Paralleluniversums ist. Ist ja auch egal. Jedenfalls ist ein geschlossenes System nur so lange überlebensfähig, solange es sich im Gleichgewicht befindet. Fließt keine Energie mehr, erstarrt das System und stirbt. Wird Energie abgezapft kann das System kollabieren. Wird also zuviel Kapital eingefroren in irgendwelchen Depots etc. arbeitet das Kapital nicht mehr systemerhaltend und stirbt, wird zuviel Kapital abgesaugt und in andere Systeme transferiert, kollabiert das System und stirbt ebenfalls. Aber das ist nur ein Gedanke aus dem Buch. Es geht dort um viele Fragen, wie z.B. Was ist Realität? Gibt es eine allgemeine Realität oder gibt es nur ca. sechs Milliarden Interpretationen der Realität? Ist unsere Welt nur eine Schattenwelt? Hat der Metamensch ein Bewusstsein? Hat das Universum ein Bewusstsein? Hat jedes Teilchen im Universum gar etwas wie eine energetische DNA bestehend aus vier Vektoren (drei Richtungs- und ein Zeitvektor)? Damit ließe sich die Position jedes Teilchens zu jedem Zeitpunkt mit nur vier Byte definieren. Ich Interessiere mich einfach nur für solche Fragen, denn wenn dem so sei, dass man jede Teilchenbewegung im Universum zumindest theoretisch berechnen kann, wie Kugelstöße beim Billard, dann wäre seit dem Urknall alles vorherbestimmt, denn sonst könnte man es nicht berechnen. Ich finde das eine sehr interessante Fragestellung, denn dann hätten auch Plato und sein geistiger Ziehsohn Aristoteles Recht behalten. Da diese Themen jedoch recht umfangreich sind und auch mathematischer Beweise bedürfen, konnte nur ein Buch daraus werden. Nebenbei schreibe ich jedoch noch an zwei anderen Büchern, wo ich aber jetzt noch nichts zu sagen möchte.

 

HHWS: Was für eine Ansicht habt ihr in Bezug auf die momentanen gesellschaftlichen Systeme? Läuft vieles schief und wenn ja, wie kann man das ändern?

H.SOLO: Meine Ansichten zu den momentanen gesellschaftlichen Systemen ändern sich permanent, je mehr ich mich damit beschäftige. Zu viele Faktoren spielen da eine Rolle, denn die Realität in der wir leben ist nicht die gleiche wie die im Mittelalter, im 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert usw.. Man sollte auch Geschichtsbücher der Vergangenheit nicht mit dem Bewusstsein der heutigen Zeit lesen, sondern man sollte versuchen sich gedanklich in die Zeit zurückzuversetzen, als die entsprechenden Werke verfasst wurden. Auch in Physikbüchern von 1950 steht viel Schwachsinn drin über den wir heute lachen. Trotzdem waren das früher gültige Gesetze nach denen man sich zu richten hatte. Somit gab, gibt und wird es nie allgemeingültige Ansichten geben. Vielmehr rennt jeder Mensch in einer Realitätsblase umher, welcher durch die persönlichen Erfahrungen und angeeignetes Wissen gebildet wurde. Da jedoch kein Mensch alles wissen kann, ist alles ständig in der Entwicklungsphase und wächst mit unserem Schaffen. Das Ganze nennt man dann Evolution. Außerdem ist der Mensch durch seine Versuche auf dem Sektor der künstlichen Intelligenz auf dem Weg vom Geschöpf zum Schöpfer zu werden und das ist meiner Meinung nach ein gefährliches Spiel. Man sollte nicht wirklich alles ausprobieren, was einem in den Sinn kommt. Trotzdem gibt es Menschen die es nicht sein lassen können und gefährden somit die komplette menschliche Rasse ohne diese vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.

 

HHWS: Wie kam eigentlich euer Kontakt zur Writerlegende Won aus München zustande, der ja für euch auch gemalt hat? Was für einen Bezug habt ihr zum Graffiti?

H.SOLO: Ich kenne tausende von Leuten auf allen Kontinenten und bin seit fast zwanzig Jahren selbst auf dem kompletten Planeten unterwegs. Da meine Anlaufstellen auf anderen Kontinenten immer Gleichgesinnte waren, ist man sich halt über den Weg gelaufen. Mal hat man zusammen versucht ein Projekt zu realisieren, mal nicht. So war das auch mit Won. Anlass war eine Razzia des Verfassungsschutzes beim Alpha Comic Verlag. Zur Rettung des Verlages habe ich einen Track zur „Zensur!?“ Kompilation beigesteuert und Won hot seine Bilder beigesteuert und da ich zu der Zeit eine Skatehalle hatte, haben wir dort auch die Ausstellung gemacht.

 

HHWS: Die heutige Rapmusik befasst sich, zumindest in Deutschland, viel mit Battletexten oder „Gangster/Representing“-Texten. Wenn ihr mal einen Blick auf die HipHop Szene werft, wie seht ihr diese?

H.SOLO: Szene hat sich weiter entwickelt. Ob zum Guten oder zum Schlechten ist subjektiv und somit Ansichtssache. Ich freue mich jedoch immer, wenn ich sehe, was aus dem geworden ist, was wir als Pioniere mit vielen anderen einst begonnen hatten. Hätten wir es nicht getan, hätte es sicher jemand anderes getan, keine Frage. Das einzige was für mich zählt ist jedoch, dass eine komplette Hip Hop Kultur entstanden ist und ich dabei war und bin. Das ist ein gutes Gefühl. Allerdings ist Hip Hop in meinen Augen in erster Linie eine ausgefallene Art der Kommunikation. Berichterstattung aus dem Leben und Information über Missstände, und das kommt heutzutage oft zu kurz. Hip Hop der 80er Jahre war auch ein Weg aus dem Ghetto, heute kommt es mir manchmal vor als wäre es der Weg zurück ins Ghetto und das ist eine komplett andere Intention. Aber auch das ist Ansichtssache, wenn es auch nicht ganz meine Ansicht ist.

 

HHWS: Welche positiven/negativen Änderungen habt ihr in der Entwicklung von HipHop wahrgenommen?

H.SOLO: Das kann ich so nicht beantworten, denn das würde hier endgültig den Rahmen sprengen und in seitenlangen Erklärungen ausufern. Wichtig ist für mich nur, dass sich Hip Hop entwickelt und auf jede Aktion erfolgt auch immer eine Reaktion. Wenn das nicht mehr der Fall ist irgendwann, dann ist Hip Hop tot.

 

HHWS: Das Internet – Gefahr oder Chance für die Musik?

H.SOLO: Das Internet ist gleichzeitig die größte Chance und die größte Gefahr. Wie alles im Leben. Ohne Salz stirbst du, wenn du ein Kilo Salz isst auch. Vier Liter Wasser am Tag zu trinken sind gesund, vier Liter in einem Zug zu trinken ist tödlich. Es gibt immer zwei Seiten. Jing und Jang eben.

 

HHWS: Ihr habt ja auch ganz gerne gewalt- und sexverherrlichende Texte. Besteht dabei nicht auch die Gefahr dass Kids diese Texte falsch auffassen und selber gewalttätig werden?
Ist Gewalt eine Lösung für Probleme?

H.SOLO: Manchmal ist Gewalt eine Lösung, nämlich dann wenn ich mich verteidigen muss. Dann gelten auch keine Regeln mehr. Grundsätzlich ist Gewalt keine Lösung für mich, aber oft kommt man damit schneller ans Ziel, besonders wenn irgendwelche Ignoranten aus Prinzip ohne den Sinn zu hinterfragen einem den Weg versperren, einem bewusst schaden wollen oder Dinge über jemanden in die Welt setzen, ohne die betreffende Person persönlich zu kennen. Das hängt immer vom Charakter der jeweiligen Person ab, wie die Reaktion ausfällt. Grundsätzlich gilt auf diesem Planeten seit Anbeginn das Prinzip fressen und gefressen werden. Steiner, das eiserne Kreuz ist ein Antikriegsfilm. Trotzdem sieht man dort eigentlich nur den Krieg. Ich sehe solche Werke, wie auch meine Texte als Spiegelbild der Gesellschaft, denn meine Texte und auch alle anderen Werke in dieser Art würden nicht existieren, wenn die Welt nicht wäre wie sie ist.

 

HHWS: Ist es wichtig der HipHop Jugend die Werte von HipHop zu vermitteln?

H.SOLO: Ja, denn die Hip Hop Kultur hat jede Menge Werte die es zu vermitteln lohnt. Mich hat mal jemand gefragt, wie ich als Mensch mit weißer Hautfarbe die  Platten von X Clan gut finden kann. In erster Linie, weil es gute Musik ist und zweitens, weil mich die Ansichten von Menschen, welche in einer völlig anderen Welt leben wie ich selbst, durchaus interessieren. Wer ein funktionierendes Gehirn besitzt, zieht sich auch dort die wichtigsten Erkenntnisse heraus, egal ob ich mich durch die Texte teilweise angegriffen fühlen müsste und das auf eine unterhaltsame Art. Wenn jeder Künstler seine Texte 100% ernst meinen würde, dann hätte es im Hip Hop Biz schon tausende Tote geben müssen. Natürlich gibt es immer wieder Idioten die alles für bare Münze nehmen und bei einem falschen Wort wild um sich schießen. Ein pauschales Urteil kann ich auch hier nicht abgeben. Hängt immer von der Situation und den jeweiligen Personen ab. Ich habe selbst schon viele Situationen erlebt, wo ich schon beim zweiten Satz meines gegenüber, egal ob Einzelperson oder mehrer Personen, gemerkt habe, dass diskutieren keinen Sinn ergibt. Die wollen mir eh nur aufs Maul hauen und suchen nur nach einem Grund und wenn keiner vorhanden ist, erfindet man halt einen. In solchen Situationen habe ich mir angewöhnt, sofort eine massive Angriffswelle zu starten mit dem Ziel, alles plattzumachen was in Reichweite ist. Meistens ist das Konzept aufgegangen. Nicht immer, muss ich zugeben.

 

HHWS: Ihr habt vor kurzem das Album „Murphys Gesetz“ veröffentlicht, welches Songs aus mehreren Jahren eurer musikalischen Laufbahn präsentiert. Beschreibt bitte das Album.

H.SOLO: Murphies Gesetz ist ein Sammelsurium von zum Großteils unveröffentlichten Tracks, welche auch in den Crossoverbereich gehen. Wir produzieren eigentlich immer, aber manchmal will das Schicksal nicht, dass es zur Veröffentlichung kommt. Ein Grund war chronischer Geldmangel. Es gab aber auch viele andere Gründe. Unser erster Drummer musste für länger in den Knast, weil er 10 Postbanken und 60 Tankstellen überfallen hat. Der nächste Drummer hatte ein Alkohol- und Drogenproblem. Therapie. Der nächste Drummer hatte ein psychisches Problem und musste in Behandlung. Und als wir 1999 dann endlich einen fähigen und korrekten Drummer gefunden hatten und ins Studio gegangen sind um eine neue Platte aufzunehmen, ist unser Gitarrist beim Snowboarden verunglückt und sitzt seitdem ab dem Hals querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Ich verzichte ganz bewusst darauf hier irgendwelche Namen zu nennen, denn das geht keinen was an. Aber solche Dinge muss man erst mal verarbeiten. Deshalb habe ich all diese alten Tracks jetzt rausgebracht. Als Dokumentation quasi und als Dankeschön und Respekterweisung gegenüber den Leuten, welche sich die Mühe gemacht haben. Es hat aber fünf Jahre gedauert, bis ich überhaupt in der Lage war, mir die Livetracks überhaupt wieder anhören zu können, ohne sofort die Krise zu bekommen.

 

HHWS: Beschreibt bitte auch eure eigene musikalische Entwicklung.

H.SOLO: Wir machen immer weiter, solang wir leben. Entwickelt haben wir uns sicherlich und wir werden uns auch weiterentwickeln. Wo die Reise hingeht, kann ich aber nicht sagen. Bei mir macht der Zufall die Musik. Ein konkretes Ziel verfolge ich nicht, außer dass ich meinem inneren Zwang nachgeben muss, mich auszudrücken. Sonst besteht die Gefahr, verrückt zu werden. Hat also durchaus therapeutische Zwecke.

 

HHWS: Ihr habt diverse Rückschläge einstecken müssen. Was könnt ihr den Leuten raten, die viele Rückschläge erleben?

H.SOLO: Jeder ist da anders gestrickt. Wenn ich Rückschläge erlebe, mache ich hinterher mit doppelter Kraft weiter. Ich habe mit zwölf Jahren, nachdem ich mit dem Fahrrad von einem Auto überfahren wurde, fünf Monate auf dem Rücken liegend in Gipsschalen mit Nägeln durch die Ferse und Gewichten dran, um meine vierfach und offen gebrochenen Beine wieder zu richten, verbracht. Ein Jahr später habe ich wieder mit Leistungssport angefangen. Erst als Leistungsschwimmer und direkt im Anschluss mit BMX. 1983 habe ich dann einen Guinnesbuchrekord im Bunny Hop über 19 Personen aufgestellt und bin im gleichen Jahr 12. bei der BMX Race WM in Slagharen geworden. 1987 bin ich dann Weltmeister geworden in Freestyle Quarterpipe und 2000 habe ich mit Titus, Beule und Ingo einen Weltrekord als Vierer in der Halfpipe aufgestellt. Mit Titus hatte ich fünf Jahre lang eine Agentur, die SMO, wo wir auf der ganzen Welt Skate und BMX Shows und Contests veranstaltet haben. Daraus ist dann die Domsports Skatehalle entstanden. Aus der ganzen Situation und dem Umfeld heraus sind dann auch Def-Dick und forUTV, unser eigener I-TV Sender entstanden, wo meine Sendung „Solos Welt“ sehr erfolgreich läuft und auch unser neustes Projekt, eine Rap Sendung Namens „Channel Zero“ läuft da. Es gibt auch noch musikalische Projekte wie „Phobos“ und „Raum 3“, wo wir auch Musik mit Leuten aus einem ganz anderen Umfeld machen. Bei meiner Malerei, die mit Backpieces angefangen hatte, bin ich irgendwann auf der Leinwand und bei Leuchtskulpturen gelandet. Irgendwann habe ich dann ebenfalls aus Zufall Heinz von mam.limited kennen gelernt und seitdem habe ich permanente Ausstellungen damit in Designer Möbelhäusern und verkaufe die Werke da auch. Im Grunde genommen haben wir uns ein eigenes kleines Universum aufgebaut und sind so komplett unabhängig geblieben. Diese Unabhängigkeit ist eigentlich das Wichtigste an allem. Aufgeben ist ein Fremdwort für mich und ich kann nur jedem raten, wenn er mit dem Herzen bei einer Sache ist, egal was, nie aufzugeben. Es sei denn, der Spaß geht verloren und der Erfolg wird zum Zwang. Wenn man mit dem Herzen bei der Sache ist, kommt der Erfolg meistens irgendwann von selbst.

 

HHWS: Was für Ziele habt ihr im Leben?

H.SOLO: Wenn ich euch eines meiner Ziele verrate, haltet ihr mich sicher für einen Spinner. Einer meiner Wünsche ist es, neben dem möglichst lange gesund zu bleiben, einmal ins All zu kommen. Das hört sich jetzt utopisch an, aber die Russen bauen schon an einem Weltraumhotel. In ca. 20 Jahren soll es drei Tage im All für 44.000 US Dollar geben. Wenn das so sein sollte, gebe ich ein Konzert mit Beatbox und Rap in der Schwerelosigkeit. Mehr kann man als Mensch zurzeit nicht erreichen und es ist zeitgleich auch das evolutionäre Ziel des Metamenschen. Diesen Planeten zu verlassen um irgendwann mal andere Planeten zu besiedeln. Früher war das Science Fiktion, heute ist es schon Realität. Irgendwie komisch, aber auch hier bin ich froh in einer Zeit zu leben, wo dieses technisch überhaupt erst möglich gemacht wurde. Darüber hinaus würde ich gern auch meine Freundin mitnehmen und Sex in der Schwerelosigkeit haben. Ist bestimmt witzig und interessant. Im Grunde genommen wünschen wir uns nichts anderes wie alle anderen Menschen auch: Gesundheit, Freiheit, genug zu essen und dass wir so lange es geht das tun können, wo wir Spaß dran haben.

 

HHWS: Vielen Dank für das Interview. Einige letzte Worte oder Grüße…

H.SOLO: Wir grüßen alle, die unseren Weg schon so lange begleiten, denn ohne die Fans wären wir nichts. Dank geht raus an alle die uns unterstützt haben und an unsere Familien. Danke auch für euer Interesse an unserem Schaffen, denn auch ohne die Leute die über uns schreiben wären wir Nichts. Ich hoffe, dass dieses Interview nicht zu lang geworden ist, aber ihr habt ja auch Fragen gestellt, die man nicht mit einem Satz beantworten kann.